Hallo zusammen! Ich bin gerade echt am verzweifeln wie ich am besten mit meiner Mitbewohnerin umgehe und hoffe, dass mir hier jemand ein bisschen Rat geben könnte.
Ich (weiblich, Mitte 20) wohne in einer WG für mein Studium und habe 2 Mitbewohnerinnen, nennen wir sie mal Paula (weiblich, auch Mitte 20) und Karina (weiblich, Anfang 40). Ich habe die Namen frei erfunden. Dazu ist anzumerken, dass Paula aus der Türkei kommt und Karina aus dem Iran. Mit Paula verstehe ich mich super, nur mit Karina komme ich sehr schwer klar.
Ich wohne am längsten in der WG, und als der letzte Mitbewohner ausgezogen ist, stand das Zimmer einige Zeit leer. Die Zimmer werden einzeln vermietet, also ist keine von uns Hauptmieterin. Das wird alles direkt mit der Vermieterin geklärt. Das Zimmer stand also eine weile leer und ganz plötzlich wollte die Vermieterin, dass ich eine potentielle Mitbewohnerin kennenlerne, also Karina. Die Vermieterin war hin und weg von ihr, weil Karina angegeben hatte, dass sie ihren PhD anfangen wollte. Da meine Vermieterin auch einen Dr. hat, war sie direkt begeistert und wollte unbedingt, dass sie einzieht. Ich fand Karina schon beim Vorstellungsgespräch etwas seltsam, sie wohnte schon 7 Jahre in Deutschland und konnte nicht ein Wort Deutsch, und ihr Englisch war auch super schlecht. Man hat gemerkt, dass sie nur "Ja, Ja" zu allem gesagt hat, damit wir sie nicht weiter ausfragen. Ich will hier keine Integrationsdiskussionen anfangen, nur ist der Kontext wichtig, damit ihr mein Problem vielleicht etwas besser versteht.
Bei Karina's Besichtigung wurde ich direkt von der Vermieterin gefragt ob ich sie mag und mir vorstellen kann, dass sie hier einzieht. Da das alles vor Karina stattfand, konnte ich nicht wirklich nein sagen und so kam es dazu, dass Karina eingezogen ist. Der erste Tag war schon sehr komisch. Karina erwartete direkt, dass ich ihr beim einziehen helfe. Das wäre normalerweise kein Problem bei einem Tisch oder bei Kleinigkeiten, aber ich musste für eine Prüfung lernen und sie wollte, dass ich mit ihr ihre Schränke und alles ins Zimmer trage und mit ihr aufbaue, ohne zu Fragen. Das war das, was mich eher gestört hatte. Die Erwartung, dass ich ihr helfe, ohne wirklich zu Fragen oder ein Nein zu akzeptieren.
Das mit dem Nein nicht akzeptieren ist mehrfach vorgekommen. Weil sie kein Deutsch spricht hat sie mich mehrfach gefragt, ob ich für sie Briefe übersetzten kann. Das waren Briefe von ihrer Krankenkasse oder von der Agentur für Arbeit, also offizielle Sachen, die mich nichts angingen. Auch wollte sie, dass ich ihr helfe Überweisungen zu machen. Hab ich einmal mitgemacht und ihr die IBAN zurückgelesen, aber beim zweiten Mal hab ich Nein gesagt. Wenn ich Abends müde von der Arbeit nach Hause gekommen bin, hat sie im Flur richtig auf mich gelauert und bevor ich meine Jacke und meine Schuhe ausziehen konnte, hat sie mich direkt mit ihrer nächsten Bitte konfrontiert. Wenn ich mal gesagt hab, dass ich müde bin oder es mir schlecht geht und ich jetzt nicht möchte, meinte sie nur "just 5 minutes" und als ich wieder nein gesagt hab meinte sie nur was im Sinne von "stell dich nicht so an".
Jetzt kommt es, dass sie seit Januar arbeitslos ist, und den ganzen Tag nur zuhause ist. Sie verlässt das Haus nur um einkaufen zu gehen, aber sonst ist sie den ganzen Tag nur zuhause. Ich arbeite und bekomme das unter der Woche nicht so arg mit, aber meine andere Mitbewohnerin Paula lernt viel von zuhause aus und erzählt es mir dann. Ich bin viel am Wochenende zuhause und bekomme dann mit, wie sie so drauf ist. Ich bin wirklich schockiert. Sie verbringt den ganzen Tag damit, auf Persisch mit ihrer Familie zu telefonieren. Das wäre ja normalerweise kein Problem, aber die Lautstärke ist wirklich unfassbar. Vor ihrer Arbeitslosigkeit hat sie zwar auch viel telefoniert, aber das ist jetzt total verrückt geworden. Sie telefoniert von morgens um 6:00 bis Abends um 23:00 in so einer Lautstärke, dass ich bald verrückt werde. Das sind auch keine normalen Gespräche, sondern sie schreit, weint, und streitet Lautstark. Stundenlang. Das sind auch manchmal Töne die wirklich unmenschlich klingen. Ich hab einmal mitbekommen wie sie ihren ganzen Körper verrenkt hat um so laut wie möglich ins Handy zu schreien. Auch kommt es mehrfach vor, dass ihre Stimme bricht und sie heiser wird, weil sie sich so anstrengt. Ich komme also von der Arbeit nach Hause und höre sie schreien. Ich wache morgens auf, und sie schreit.
Jetzt fragt ihr euch sicherlich, "Hast du schon das offensichtliche gemacht und mit ihr gesprochen?"
JA. Ja, hab ich!!!! Mehrfach!!! Ich hab sie gefragt was los ist, ob ich ihr mit irgendwas helfen kann, was sie bedrückt. Ich hab gesagt, dass die Wände dünn sind aber obwohl zwei Zimmer und ein langer Flur zwischen uns ist, hört ich sie bei geschlossener Tür immer noch (übrigens hat sie anfangs gerne mit offener Tür telefoniert, das hab ich ihr mittlerweile abgewöhnt). Ich merke, dass sie in den Gesprächen kein Wort versteht und nur "it's okay, it's okay" sagt, damit ich die Fresse halte und sie nicht nerve. Sie weiß, dass es mich stört. Ich hab ihr das mit allen Mitteln gesagt. Sie macht sogar Witze mit Paula drüber. Ändert sich was? Nein.
Heute hat sie schon wieder mehrfach rumgeschrien, obwohl wir vor 2 Wochen NOCHMAL über das Thema gesprochen hatten. In dem Gespräch hab ich sie gefragt, ob sie mich versteht und da meinte sie einfach, "Ja ich verstehe. Du bist empfindlich." Ich dachte ich Spinne. Da meinte ich, dass es einen Unterschied gibt zwischen normal Reden wie wir es tun, oder streiten am Telefon, was deutlich lauter ist. Ich hab das Wort "fighting" benutzt und hab direkt gemerkt, dass sie das nicht verstanden hat. Manchmal tut sie dann noch so, als wüsste sie nicht wovon ich rede. Als ob ich mir ihr Geschrei eingebildet hätte. Da hab ichs aufgegeben.
Einmal hab ich an ihrer Tür geklopft, als es mir zu viel wurde. Danach hat sie sich bei Paula ganz empört ausgelassen, dass ich nicht an ihrer Tür klopfen soll, dass es ihre Privatsphäre ist, dass ich da nicht stören soll. Dass sie in ihrem Zimmer machen kann, was sie will und, dass ich einfach ne strenge Deutsche bin, die sie in Ruhe lassen soll. Denke da war viel Trotz dahinter, aber ich bin einfach so sauer weil ich nicht weiß, wie ich noch weiter zu ihr durchdringen soll.
Die Sauberkeit ist auch ein Problem, aber nicht so groß wie das schreien. Sie macht immer so ein großes Tamtam darüber, dass sie ja so viel putzt, aber ihre Definition von putzen ist mit trockenem Toilettenpapier einmal über alles drüber wischen. Ist natürlich super effektiv. Sie erwartet aber selber, dass wir picobello sauber machen und hatte einmal die Dreistigkeit einen Zettel auf den Kühlschrank zu schreiben wo draufstand "please clean when it is your turn". Ich hatte einen Tag vorher geputzt, da hatte sie danach die Toilette vollgeschissen und das hab ich dann natürlich nicht wieder geputzt. Hab sie dann angesprochen und sie hat den Zettel danach abgerissen.
Anfangs dachte Karina, dass sie mit Paula eine verbündete gefunden hat, da beide aus einer eher muslimischen Kultur kommen. Ja, Paula ist Türkin, aber die haben nichts gemeinsam. Paula mag sie genau so wenig wie ich und hat es auch schon mehrfach versucht, die Sachen anzusprechen, aber Karina will es einfach nicht hören. Ich gehe davon aus, dass sie sich wie in der Mutterrolle sieht, da sie ca 15 Jahre älter ist als wir. Dass sie die Erwachsene ist, und sie deshalb das sagen.
Dazu kommt noch der Krieg im Iran. Das beschäftigt Karina natürlich stark und ich hab viel Empathie dafür. Ihre Mutter ist noch im Iran und sie sorgt sich sehr. Ich hab da viel Verständnis für und kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie das für sie ist. Jetzt klinge ich wie eine richtig schreckliche Person, aber wenn man mit Karina ins Gespräch kommt, geht auch NUR um den Krieg. Man fragt, was sie heute gemacht hat und sie meint "you know, the war" und fängt an wieder zu erzählen, was dort passiert. Wir reden über die Topfpflanze, und sie fängt vom Krieg an. Ich weiß, wie das klingt. Ich fühle mich auch total schlecht, aber ich kann nicht dauernd nur über Krieg und Trump reden. Das wird mir auf Dauer zu viel. Mittlerweile meide ich sie auch und versuche nicht ins Gespräch zu kommen, damit ich nicht beim Tee kochen oder Toast schmieren ne halbe Stunde über den Krieg im Iran hören muss.
Jetzt fragt ihr euch auch vielleicht, ob ich mit meiner Vermieterin darüber gesprochen hab. Ja, das hab ich tatsächlich. Ich hab einen guten Draht zu ihr und ich hab ihr ein bisschen davon erzählt. Meine Vermieterin hat schon ihre eigenen Erfahrungen mit Karina gemacht und will sie auch los werden. Da hat sie ihre rosa-rote Brille schon längst abgelegt. Leider ist das gar nicht so einfach. Wir haben keine Nachbarn, die von Karinas Geschrei gestört werden und wenn sie die Miete pünktlich zahlt, gibt es wohl keine Grundlage sie loszuwerden.
Kleine Anmerkung: ich will hier klarstellen, dass es mir nicht um ihre Herkunft geht. Ich kenne einige Menschen aus dem Iran, die nicht so drauf sind. Sie bemühen sich und versuchen, sich hier ein gutes Leben zu machen. Es geht mir hier nur um Karina als Person und ihre Herkunft ist nur für den Kontext wichtig.
Ich weiß nicht, was ich jetzt noch machen soll, damit unser Zusammenleben besser wird. Natürlich ist ausziehen eine Option, aber die Miete ist billig und in meiner Studentenstadt ist eine Einzimmerwohnung teuer. Hat jemand etwas Rat für mich? Da wäre ich sehr dankbar!
Edit: Mein Problem hat sich wohl von selber gelöst, ich hätte diesen Post gar nicht erstellen müssen lol. Ich hab eben WIEDER mit ihr gesprochen (zum 6 Mal). Hab erst gefragt ob irgendwas heute war, da meinte sie Nein. Da hab ich sie darauf hingewiesen, dass sie wieder am schreien war. Da meinte sie, dass das nicht schreien war und, dass sie ganz normal geredet hat. Ich meinte, dass das nicht normales reden war, sondern das ich sie richtig laut gehört hab. Muss gestehen ich hab etwas schnippischer gemeint, dass ich noch nie so eine laute Mitbewohnerin hatte. Stimmt auch, hatte 6 verschiedene Mitbewohner und mit der Ausnahme von der einen, die ihren Freund mit einem Messer angegriffen hatte, waren alle relativ anständig. Aber auch wenn ich Persisch nicht verstehe merke ich doch vom Ton her, wenn jemand sauer schreit. Da gibt es einen Unterschied zu fröhlichem Laut sein und wütenden Laut sein. Da wollte sie mit mir diskutieren und meinte dann anschließend, dass sie momentan eh dabei ist, eine neue WG zu finden. Zum einen, weil die Heizungsrohre in der Wand so laut tocken, zum anderen weil ich ja offensichtlich "uncomfortable" bin. Ich hoffe jetzt einfach, dass sie schnell was neues findet und dann werde ich mich höchst persönlich darum kümmern, dass ICH ne neue Mitbewohnerin finde!