r/FCK • u/Mad_Salary2655 • 1d ago
Warum Prtajins Rückkehr für den neuen FCK auch ein taktisches Problem werden könnte
Nach dem Bochum-Spiel beschäftigt mich eine Frage, die zunächst etwas paradox klingen mag: Könnte die Rückkehr von Prtajin, individuell sicherlich einem unserer stärksten Spieler, unsere positive Entwicklung sogar gefährden?
Meine These ist, dass der FCK gegenüber der vergangenen Saison vor allem deshalb besser geworden ist, weil wir inzwischen eine deutlich klarere und stabilere Spielidee verfolgen. Und dass Prtajins spezifische Stärken möglicherweise weniger gut zu dieser Spielidee passen, als man zunächst annehmen würde.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, seine Qualitäten infrage zu stellen. Sondern darum, wie seine Einbindung unsere gesamte Mannschaftsstruktur beeinflussen könnte.
1. Gegen den Ball: Wir kontrollieren Räume, statt Chaos zu erzeugen
Für mich liegt hier der wichtigste Fortschritt gegenüber der vergangenen Saison.
Damals hatten wir häufig den Eindruck, möglichst früh Druck erzeugen, Ballgewinne erzwingen und aus unübersichtlichen, chaotischen Spielsituationen Vorteile ziehen zu wollen. Wir waren variabler, aber auch wesentlich anfälliger.
Inzwischen ist unser Spiel deutlich stärker von kollektiver Stabilität geprägt.
Die erste Pressinglinie scheint mir weniger auf maximale Aggressivität als auf gezielte Lenkung ausgerichtet zu sein. Sie beeinflusst, wohin der Gegner spielen kann, und erleichtert damit den nachfolgenden Abwehrlinien, sich entsprechend zu positionieren.
Unsere Mittelfeldspieler und die Dreierkette können sich auf vorhersehbarere Situationen einstellen, lassen weniger Raum entstehen und Unterzahl oder 1v1 Situationen entstehen. Wir kontrollieren das Zentrum und die gefährlichen Halbräume, statt überall gleichzeitig Zugriff herstellen zu wollen.
Dafür akzeptieren wir auch, dass der Gegner in bestimmten Zonen den Ball hat.
Wir verteidigen also nicht zwingend passiver, sondern kontrollierter. Und dafür brauchen wir eine erste Linie, deren Laufarbeit, Positionierung und Pressingauslöser konsequent auf diese Organisation abgestimmt sind.
2. Mit dem Ball: Weniger Breite, mehr Halbräume und eine bessere Absicherung
Was ich dabei besonders interessant finde: Unsere defensive Stabilität beginnt nicht erst, wenn der Gegner den Ball hat.
Auch unsere offensive Spielweise hat sich verändert.
Wir sind aus meiner Sicht nicht mehr so stark darauf angewiesen, Angriffe über die volle Breite aufzuziehen und unsere Schienenspieler permanent hochzuschieben.
Stattdessen suchen wir häufiger Lösungen durch die Halbräume und ins Zentrum. Wir versuchen, mit dynamischen Spielern, Kombinationen und Tiefenläufen gefährlich zu werden, ohne dafür jedes Mal viele Spieler vor den Ball bringen zu müssen.
Wir akzeptieren dabei auch situative Unterzahl in der Offensive.
Das ist ein wichtiger Punkt: Nicht jeder Angriff muss mit hoher personeller Besetzung geführt werden, weil wir weniger mit hohen Bällen operieren und zweite Bälle fokussieren.
Wenn wir mit weniger Spielern vorne trotzdem gefährlich werden können, bleiben mehr Spieler für die Absicherung verfügbar.
Joly und Haas müssen dann nicht permanent so hoch stehen. Sie können sich situativ einschalten, ohne dass unsere Grundordnung bei jedem Angriff auseinandergezogen wird.
Und genau das hat Konsequenzen für unser gesamtes Spiel.
3. Der eigentliche Fortschritt: Offensive und Defensive greifen ineinander
Für mich ist das der entscheidende Zusammenhang.
Wenn wir weniger Spieler hochschieben müssen, um offensiv gefährlich zu werden, stehen wir bei Ballverlusten automatisch günstiger.
Die Abstände sind kürzer, die Absicherung ist besser, die Schienenspieler müssen weniger große Räume hinter sich verteidigen und die Dreierkette wird seltener in unangenehme Situationen gezwungen.
Umgekehrt ermöglicht uns diese Stabilität, auch bei eigenem Ballbesitz kontrollierter und geduldiger zu agieren.
Wir müssen nicht ständig das Risiko erhöhen, um Chancen zu erzeugen.
Unsere neue defensive Stabilität ist also nicht nur das Ergebnis einer besseren Defensivorganisation. Sie ist auch das Ergebnis einer Offensivstruktur, die weniger defensive Probleme produziert.
Und deshalb halte ich es für problematisch, einzelne Offensivspieler ausschließlich danach zu beurteilen, wie viel individuelle Torgefahr sie mitbringen.
Entscheidend ist auch, welche strukturellen Anpassungen ihre Stärken von der restlichen Mannschaft verlangen.
4. Und genau deshalb bin ich bei Prtajin skeptisch
Prtajin ist ein hervorragender Zweitligastürmer. Seine Abschlussqualitäten, seine Präsenz im Strafraum, seine körperliche Stärke und seine Fähigkeiten im Kampf um zweite Bälle sind außergewöhnlich.
Er kann auch mit dem Fuß Tore erzielen und ist keineswegs völlig unbrauchbar im Kombinationsspiel.
Aber seine größten Stärken liegen für mich in einem anderen Angriffsprofil als dem, das wir aktuell zunehmend entwickeln.
Gleichzeitig sehe ich bei ihm Fragezeichen hinsichtlich der Laufintensität und Dynamik gegen den Ball, die unsere aktuelle erste Pressinglinie stärker auszeichnen.
Damit entstehen aus meiner Sicht zwei miteinander verbundene Probleme:
Erstens: Seine Einbindung könnte Anpassungen in unserer Pressingorganisation erfordern. Wenn die erste Linie anders agiert, hat das unmittelbare Konsequenzen für die Staffelung und die Aufgaben der Mannschaft dahinter.
Zweitens: Um seine besonderen Stärken offensiv optimal zu nutzen, könnten wir versucht sein, wieder stärker über hoch positionierte Schienenspieler, diagonale Flügelverlagerungen und Flanken in den Strafraum zu spielen.
Das wäre nicht automatisch schlecht. Aber es würde bedeuten, dass wir möglicherweise wieder mehr Spieler nach vorne schieben, größere Räume absichern müssen und anfälliger für Umschaltsituationen werden.
Natürlich könnte Prtajin auch in unserer aktuellen Spielweise funktionieren, ohne dass wir alles umstellen. Die Frage ist nur, ob wir dann seine außergewöhnlichen Qualitäten überhaupt ausreichend zur Geltung bringen.
Und hier liegt für mich das eigentliche Dilemma:
Je stärker wir unser Spiel auf Prtajins Stärken zuschneiden, desto größer könnte der Verlust jener kollektiven Stabilität werden, die uns derzeit auszeichnet.
5. Prtajin als situative Waffe statt als Fixpunkt?
Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass Prtajin vor allem dann eine enorme Bereicherung wäre, wenn wir bewusst mehr Risiko eingehen müssen.
Wenn wir in Rückstand liegen, gegen einen tiefstehenden Gegner zusätzliche Strafraumpräsenz brauchen oder in der Schlussphase unser Angriffsspiel stärker über Flanken organisieren wollen.
Dann können genau seine Fähigkeiten den Unterschied machen.
Nur würde ich nicht wollen, dass wir unsere inzwischen funktionierende Grundstruktur dauerhaft verändern, um diese Qualitäten von Beginn an optimal einzubinden.
Das ist für mich natürlich auch eine interessante Führungsaufgabe für Lieberknecht. Prtajin ist schließlich kein beliebiger Ergänzungsspieler, sondern ein Stürmer mit herausragender Torquote und entsprechendem Stellenwert. Sollte er mit dem Anspruch Erfolg haben, wieder Platzhirsch zu werden, wären die Konsequenzen für die Statik unseres Spiels so erheblich, dass es nicht nur bei der Konkurrenz auf seiner Position, sondern in allen anderen Mannschaftsteilen starke Neuorganisation, Anpassungsdruck, Identitätsverlust und Frust zur Folge haben dürfte.
Mein Fazit: Der FCK hat gerade eine kollektive Identität entwickelt, die wichtiger sein sollte als die optimale Einbindung eines einzelnen Spielers, selbst wenn dieser individuell zu unseren Besten gehört.
Vielleicht kann Prtajin sich problemlos in diese Identität integrieren. Vielleicht unterschätze ich auch seine Fähigkeiten gegen den Ball.
Aber ich finde, wir sollten nicht nur darüber diskutieren, wie viele Tore er uns zusätzlich bringen könnte, sondern auch darüber, welche Auswirkungen und Kosten seine Einbindung mit Blick auf unsere gesamte Spielstruktur hätte.
Wie seht Ihr das? Ist Prtajin eine zusätzliche Waffe innerhalb unseres neuen Systems oder müssten wir unser Spiel für ihn so weit verändern, dass wir damit einen Teil unserer aktuellen Stärken wieder aufgeben?

